Vom Rechtsextremisten zum Märtyrer
by Michael Ochmann am 18. September 2025

Wenn ich spät in der Nacht qualvoll dem “Doomscrolling” auf YouTube erlegen
bin, erscheint in dem Feed ein Reel nach dem Anderen, welches meine Interessen
bedient. Hin und wieder ist aber auch ein Ausreißer dabei. Manchmal sitzt da ein
Typ, Anfang/Mitte 30, kurzer, dunkelblonder Seitenscheitel, vor einer Flagge der
Vereinigsten Staaten von Amerika.
Das ganze Setting sieht aus wie dieses “Change my mind” Meme, der Typ sitzt an
einem Tisch und Studenten stellen ihm Fragen zu politischen Themen, das Ganze
kommt fast damit durch, sich als Podiumsdiskussion zu verkleiden. Ich halte kurz
inne und höre mir die knappe Fragestellung sowie den Anfang der Antwort des
besagten Typen an. Das ganze passiert mehrere Male am Abend.
Je öfter ich höre, was dieser Mann sagt, desto mehr frage ich mich, ob es fair
ist, dass mich jedes weitere Wort aus seinem Mund so extrem wütend macht. Wie
kann das sein? Nach längerem Reflektieren erkenne ich, dass es sich überhaupt
nicht um eine Podiumsdiskussion handelt. Es ist eine inszenierte Veranstaltung,
welche unter dem Deckmantel einer Podiumsdiskussion dafür benutzt wird, in der
Anwesenheit leicht beeinflussbarer, junger Menschen rechten Hass und rechte
Hetze zu verspeihen. Die Aussagen werden von Mal zu Mal absurder. Sie sind
rassistisch, menschenfeindlich, agressiv, verschwörungstheoretisch und
schusswaffenverherrlichend und das nicht mal auf eine belustigende Art und
Weise.
Das Gefühl, welches die Aussagen bei mir hervorrufen ist unbändige Wut. Wut
darüber, dass der Typ einfach so vor einem großen Publikum wissenschaftlich
unfundierte und menschenfeindliche Aussagen herausposaunen kann, ohne dafür
signifikanten Gegenwind zu erhalten.
Wie ich erst durch die Berichterstattung in den Medien in Folge seiner
gewaltsamen Tötung erfahren habe, heißt der Typ Charlie Kirk. Ich habe ihn
für einen unbedeutenden Spinner gehalten, aber nun trägt der Vizepräsident der
USA seinen Sarg und moderiert seinen Podcast in posthumer Vertretung. Der
Präsident richtet sich in einer Ansprache anlässlich des Todes von Kirk ans Volk
und spricht von einer “Linken Verschwörung, die gewaltsam beseitigt werden”
müsse. Das Land steht augenscheinlich am Rande eines Bürgerkrieges, wegen diesem
Typ.
Da hab ich die Popularität dieses Menschen weit unterschätzt. Die Tatsache, dass
jemand mit solchen Aussagen einen so großen Einfluss und eine solch große
Gefolgschaft hat anhäufen können, lässt es mir eiskalt den Rücken herunter
laufen.
Dann habe ich mir das Video seiner Tötung angeschaut. Verblüffende, tödliche
Präzision. Der Schütze hat entweder den Glücksschuss seines Lebens abgesetzt,
oder verdient damit sein Geld. Als Verdächtigen haben Sie nun einen Jungen,
Anfang 20, ein Kind quasi, dessen Vater und Freundin ihn bei den Behörden
verpfiffen haben. Wir also der Glücksschuss gewesen sein.
Nun ist die halbe Nation in Aufruhr, weil einer von Ihnen plötzlich ein wenig
seiner eigenen Medizin abbekommen hat. Kirk selbst hat mehrfach gesagt, dass es
notwendig sei, dass ab und zu jemand unschuldiges erschossen werde, damit die
US-Amerikaner ihr “Second Amendmend” (das ist der Verfassungszusatz mit den
Waffen) legitimieren können. Also hat er ja jetzt unfreiwillig zu diesem heeren
Ziel beigetragen.
Der Verschwörungtheoretiker in mir sagt dazu “schau’ dir mal an, wer der Tat
beschuldigt wird und wer gerade stark von der Tat profitiert, wenn das nicht
zusammen passt, stimmt was nicht.”, aber ich habe ja schon vor langer Zeit
aufgehört, meinem inneren Verschwörungstheoretiker zuzuhören.
Ich schaue mit Schrecken in Richtung USA und beäuge die möglichen,
globalpolitischen Auswirkungen die dieses nun doch im Gesamtbild eher nichtig
erscheinende Ereignis haben könnte. Holt Nicole nochmal aus der Rente zurück,
ich glaube, sie muss noch einmal singen.
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