Ade, Mutter
by Michael Ochmann am 21. Juli 2026

Wenn alles gut läuft, hat man ja in der Regel zwei Omas. Das führt zu Verwirrung, weil nie wirklich klar wird, wer mit “die Oma” gemeint ist. Mein Vater hat immer gesagt “wir fahren zu meiner Mutter”, und mein kleines Hirn hat das so adaptiert. Die Oma, die bei uns im Haus gelebt hat war “die Oma”, die andere Oma, die ein paar Dörfer weiter gelebt hat war “die Mutter”.
Die Mutter fand das nie despektierlich, sondern hat es so angenommen und weitergetragen. Für alle in unserem Teil der Familie war sie nun “die Mutter”, und irgendwie war das gut so.
Ich hab sie gerne besucht. Ihre direkte Art, ihr schrilles Lachen und ihr pragmatischer Lebensansatz, waren immer wie ein frischer Wind in meinem Leben. Ein Tag mit ihr war ein garantiertes Abenteuer, sie wusste stets etwas Neues zu unternehmen, selten glich ein Tag dem Anderen. Das waren keine teuren Urlaube oder sowas, aber sie kannte immer einen spannenden Ort, den ich noch nicht gesehen habe oder einen Wanderweg, den ich noch nie gegangen bin. Manchmal ging es auch spontan in den Zug und wir sind einige Stationen gefahren und haben uns am Zielort einfach ein Kaufhaus angeschaut. Für einen Erwachsenen erscheint das alles vermutlich belanglos, aber mit der Mutter auf solch einem Abenteuer unterwegs zu sein war für das kleine Kind, das ich war, immer ein unvergessliches Erlebnis.
Heute, am 21. Juli 2026, einen Tag vor ihrem Geburtstag, hat sie ihren letzten Ausflug angetreten. Christa Luise Ochmann, geborene Tischer; diese starke Frau, die alleine mit ihrem kleinen Sohn im Vorschulalter aus der DDR geflüchtet ist und sich “im Westen” ein komplett neues Leben aufgebaut hat, ist einfach nicht mehr da. Die Ärzte haben vor mehr als 15 Jahren gesagt, dass ihr kein Jahr mehr bleibt. Dem hat sie selbstverständlich einfach getrotzt, was wissen die schließlich schon. Den Krebs, den sie zu der Zeit hatte, hat sie besiegt. Wer wird sich denn auch von sowas unterkriegen lassen, wir haben schon Schlimmeres erlebt.
Schwinget die Schaukel zum Himmel hinan,
hoch in die Luft so blau,
dass in das Weite ich sehen kann
und in den Himmel schau.
Sie war gelernte “Erzieherin”, so nannte man das damals “im Osten”; sie konnte unglaublich gut mit Kindern. Später hat sie im Kino gearbeitet und ihren Sohn versorgt, alle Wege mit dem Fahrrad erledigt, einen Führerschein hatte sie nie. Bis ins hohe Alter war sie mit dem Fahrrad unterwegs. Weite Strecken sind sie und Opa zusammen gefahren, zur Sicherheit immer die durchsichtige Plastikhaube mit den weißen Pünktchen dabei, es könnte ja regnen. Genau so haben die beiden uns oft besucht, und ich hab mich jedes Mal gefreut wie Bolle. Als ich später ein Moped hatte, bin ich mindestens ein Mal in der Woche zu ihr gefahren. Nicht nur als Ausrede für eine Fahrt, oder die fünf Euro Spritgeld, die sie mir manchmal zugesteckt hat, sondern vorallem für die übertriebene Gastfreundschaft und die unterhaltsamen Geschichten, welche man aufgrund der trockenen Art der Mutter für Kabarrett hätte halten können.
Möchtest du einen Keks? Wie “nein”? Jetzt nimm’ halt was!
Ich war als Kind einige Male mit meinen Eltern in Kur an der Nordsee. Dort haben die Mutter und Opa uns einmal besucht, weil mein Geburtstag während des Urlaubs war. Das war die vermutlich größte Überraschung meines Lebens. Und als Geschenk hatten sie ein Luftboot dabei, welches selbstverständlich sofort auf dem Wohnzimmertisch der Ferienwohnung aufgeblasen und ausprobiert werden musste. Im selben Urlaub waren wir auch zusammen am Strand, wo die Mutter manigfaltige Ideen entwickelt hat, um die Kurtaxe zu sparen. Für das kleine ich auch wieder total Aufregend, wenn wir die Gästekarte am Zaun wieder nach draußen zu Opa geschoben haben. In einem Telefonat, welches ich vor ihrem Besuch an der Nordsee mit ihr geführt hab, hab ich ihr erzählt, dass alle Kinder eine Flagge haben und mein Vater mir keine kaufen möchte. Prompt hat sie mir eine mitgebracht. Für die nächsten Wochen war ich also zum Leidwesen meiner Eltern mit einer kleinen DDR-Flagge am Strand unterwegs. Ich wusste nicht was das bedeutet und ihr war es egal; das ist der Pragmatismus, von dem ich eingangs berichtet habe.
Mutter, komm ruhig rüber, Micha hält das Telefon!
Sie hatte für Alles eine Lösung, immer einen Spartipp und stets gute Laune. Das hat sich erst geändert, als Opa uns verlassen hat. Das hat sie pessimistisch gemacht. Sie wollte nach ihrer Krankheit auch nicht mehr alleine Leben und hat sich ins Seniorenheim einquartiert. Dort hat sie sich sehr eingeigelt, kaum ihr Zimmer verlassen und auch selten Hilfe von Außen angenommen. Leider konnte ich sie dort nicht so oft besuchen oder auch anrufen, wie ich das gerne getan hätte. Wir haben uns nur ein bis zwei Mal im Quartal gesprochen, gesehen meist nur so fünf Mal im Jahr. Das tut mir unendlich leid, ich bin jetzt Erwachsen, habe nicht so viel Zeit und wohne weiter weg. Das ist, was man sich sagt.
Michiboy? Bist du das?!
Die Wahrheit ist, ich war zu bequem. Das realisiert man immer erst, wenn es zu spät ist. Hätte ich ein paar mal mehr die 100 Kilometer fahren können um die Mutter zu besuchen? Klar. Wäre das mit Stress und Kosten verbundengewesen? Auf jeden Fall. Aber jetzt ist das nicht mehr möglich und ein bisschen Stress und Spritkosten sind alles in Allem ein geringer Preis, um einen geliebten Menschen noch einmal sehen zu können. Ich war auch zu egoistisch; es ist schwierig, Jemandem den man so sehr liebt beim Verfall zuzuschauen. Sie war lange nicht mehr dieselbe, aber doch irgendwie schon; diesen Schmerz könnte man aushalten und verarbeiten. Jetzt sehen wir uns auf ihrer Beerdigung.
Vermutlich stehe ich wie so oft in meinem Alter am Grab, werfe eine letze Rose hinein, und sag zum Abschied leise: “Ade, Mutter”
Ciao Bambino! Ade! Pfürti! Bis bald! Au Revoir! Mach’s gut! Und meld dich mal mein Goldschatz. Tschüsselchen.
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